Future

CONSTRUCT-MAZON

Wie sieht die Zukunft des Baus aus? Was würde passieren, wenn die Branche vollständig zentralisiert wäre und sich die Kunden unendlich viele Anpassungsmöglichkeiten wünschen würden?
March 11, 2021

Ungeduldige Finger trommeln auf den Glastisch. "Jetzt wird sie nervös", schießt es Anna in den Kopf. "Wir haben noch nicht über das Laufband gesprochen, Deepak", sagt Frau Kumar, Annas neue Kundin, ohne ihren Mann überhaupt anzusehen. Stattdessen wirft sie Anna einen erwartungsvollen Blick zu. "Wir möchten, dass das Laufband in den Balkon eingebaut wird. Wir haben das eigentlich bei Morrisons angefordert, aber es hätte ewig gedauert. Was ist mit Ihnen, sind Ihre Partner in der Lage, das bis zum Einzug umzusetzen?“ Anna lächelt. Die letzten Jahre haben sich Morrisons und Forstner & Söhne, Annas Arbeitgeber, ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Marktführerschaft in der Bauindustrie geliefert. Und bis eben ist es auch ein hartes Gespräch mit diesen neuen Kunden gewesen. Jetzt aber liegt es an ihr, den Deal abzuschließen. Der Gedanke an einen weiteren Sieg gegen Morrisons erfüllt Anna mit einem befriedigenden Gefühl. Herr Kumar war bereits tief beeindruckt, als er Annas verglastes Büro betrat und ihre Visitenkarte gründlich studierte. Customer Success Manager. Kurz nachdem er mit seiner Familie von Indien nach Deutschland gezogen war, um als Softwarespezialist zu arbeiten, hatte er sich mit Anna in Verbindung gesetzt und ausführlich über das Haus gesprochen, das er am Stadtrand von München bauen möchte. Anna wirft einen Blick auf ihre Notizen. Das Haus, so wie es jetzt geplant ist, unterscheidet sich erheblich von dem, welches er während ihres ersten Telefonats beschrieben hatte. Seine Frau ist ganz offensichtlich eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit.

Anna beschließt, sich dazu nicht zu äußern. Sie lehnt sich etwas nach vorne und erklärt: "Wir haben gute Verbindungen zum RunRZ Lab, das letztes Jahr ein hochinnovatives Laufband auf den Markt gebracht hat. Es korrigiert sogar den individuellen Laufstil. Außerdem scannt es den Körper und schlägt Mahlzeiten vor, die sich den Leistungen und Zielen entsprechen." Sie tippt mehrmals auf den Glastisch, und Herr Kumars Augen beginnen zu leuchten. Er hatte noch nicht das integrierte Tablet bemerkt, das nun einen sehr detaillierten Plan über sein zukünftiges Haus zeigt. Anna fährt fort: "Sie können in etwa drei Wochen liefern, so dass es keine Verzögerung für Ihren Einzug geben wird. Und so könnte es aussehen". Sie reicht ihren Kunden zwei VR-Brillen, und wenige Sekunden später erkunden Herr und Frau Kumar ihr künftiges Zuhause. Anna nickt zufrieden und ist sich sicher. Sie ist im Begriff, den Verkauf abzuschließen. "Dank der von uns erhobenen Daten zur Zufriedenheit unserer Kunden und zum Nutzungsprofil ihres Hauses haben unsere Algorithmen Ihre Grundrisse bereits perfekt an Ihre Bedürfnisse angepasst. Außerdem wird der Bau nur vier Wochen in Anspruch nehmen. Außerdem, über 97% der Kunden sind nach fünf Jahren so glücklich wie am ersten Tag", erklärt Anna mit professioneller Stimme und lächelt noch intensiver. Die Überlegenheit von softwaregestütztem Bau war schon immer der Wettbewerbsvorteil, der dem Unternehmen Forstner & Söhne ermöglichte, seine starke Marktdominanz zu halten und sogar auszubauen.

Wenige Minuten später, nach der Besprechung der vorab kalkulierten Baukosten, unterschreiben Annas Kunden den elektronischen Vertrag. Noch bevor sie ihr Glas Champagner ausgetrunken haben, piept das im Tisch integrierte Tablet und signalisiert, dass der Projektstatus aktualisiert wurde. Das örtliche Bauamt hat den Kauf des Grundstücks bestätigt und die Abwicklung wurde in das offizielle Blockchain-Register eingetragen. Anna nickt zufrieden. Sie werden sofort mit dem Bau beginnen.

Kurz nachdem Frau und Herr Kumar ihr Büro verlassen haben, greift Anna nach ihrer Handtasche und macht sich auf dem Weg zu einer Baustelle, die etwa 40 km nördlich von München liegt. Sie läuft auf die kürzlich eröffnete Schwebebahn zu, das größte Infrastrukturprojekt seit Jahren in München und ein massiver Triumph für die Grünen im Parlament. Dass Forstner & Söhne dieses Projekt leitet, hat zu viel Anerkennung sowohl in Annas Familien- und Freundeskreis als auch im Kreis ihrer ehemaligen Kommilitonen geführt, die für verschiedene Unternehmen der Bauindustrie arbeiten. Forstner & Söhne war eines der ersten Unternehmen, das den Bedarf an individuellen Lösungen erkannt hat. Infolgedessen wurden hochspezialisierte Ingenieure eingestellt und Verträge mit Softwarefirmen abgeschlossen, um ein hohes Maß an Zusammenarbeit zwischen Menschen und Maschinen vor Ort zu ermöglichen. Natürlich gibt es heutzutage auch fortschrittliche Konkurrenten, und Anna schätzt sich meist glücklich, in einem so spannenden Hightech-Unternehmen mit einem ansehnlichen Gehalt und zahlreichen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung zu sein. Sie kann ihre Woche flexibel planen und schafft es fast immer um sieben Uhr in ihre Yogastunde. Allerdings bezweifelt Anna manchmal, dass sich all die Jahre des Informatik- und Designstudiums gelohnt haben, denn ihr Job besteht heute vor allem darin, die seltsamsten Wünsche der Kunden zu erfüllen. Anna verwirft diesen Gedanken, als sie in den Wagon steigt und ihr Telefon in ihrer Tasche vibrieren spürt. Dieses hat die Lichtschranke erkannt und ihr Ticket automatisch bezahlt. Anna setzt sich und holt tief Luft. "Heute ist es wirklich voll", denkt sie. "Die Menschen sind einfach immer auf dem Sprung" Sie steckt ihre Kopfhörer in die Ohren und das Stimmengewirr aus mehreren Sprachen verstummt.

Das Erste, was Anna bei ihrer Ankunft auf der Baustelle bemerkt, sind die Fortschritte, die in den vergangenen Tagen gemacht wurden. Die hölzerne Außenverkleidung ist bereits installiert, und einige 3D-Drucker haben das Dach mit einer dünnen Schicht Solarmodule beschichtet. Die Panels sind für Neubauten aufgrund des dramatischen Anstiegs der Energiepreise verpflichtend. Anna begutachtet den Bau. Ihr gefällt die Idee der Kunden, Bäume in ihr Zuhause zu integrieren, anstatt sie vom Baugrund zu entfernen. Für sie ist das der beste Teil ihrer Arbeit: Zu beobachten, wie diese einzigartigen Häuser Schritt für Schritt wachsen.

Anna wendet sich vom Gebäude ab und bemerkt, dass nur wenige Leute damit beschäftigt sind, die am Haus installierten Roboter zu steuern. Sie geht auf den Bürocontainer zu und findet ihre Kollegen in einer kleinen Runde. "Anna, schön, dich zu sehen! Kann ich dir etwas Kuchen anbieten?" Frank, dessen Aufgabe auf der Baustelle es ist, alle Maschinen und Roboter an die unterschiedlichen Bedingungen vor Ort anzupassen, kommt auf Anna zu und begrüßt sie herzlich. In diesem Moment bemerkt Anna die Girlande "Happy 72nd Birthday" und den Schokoladenkuchen. Sie kann sich gerade noch zurückhalten, nicht in Gelächter auszubrechen: Sechs Mitarbeiter, die noch immer ihre Exoskelette tragen, kämpfen damit, ihren Kuchen mit Gabeln zu essen. Sie nicken Anna freundlich zu. "Frank, ich freue mich auch, Dich zu sehen. Happy Birthday", sagt sie, "Und danke für das Angebot. Aber ich habe es leider eilig. Ich wollte nur ein kurzes Gespräch mit Juan führen. Ist er verfügbar?" Frank zeigt auf eine Tür auf der anderen Seite des Raumes. "Er ist da drin." Anna kann die leichte Enttäuschung in seiner Stimme hören.

"Es ist wie ein Orchester." Juan faltet die Hände hinter seinem Kopf und legt die Füße auf die Ecke seines Schreibtisches. "Es ist wie ein Orchester und ich bin der Dirigent." Anna grinst. Während ihrer langjährigen Zusammenarbeit hat ihr Juans unbeschwerte Persönlichkeit und sein selbstloser Charakter immer sehr zugesagt. "Ist es so schlimm?" fragt sie rhetorisch und setzt sich auf einen der Stühle vor Juans Schreibtisch. Er lächelt sie an. "Nun, es gibt hier eine Menge komplexer Aufgaben und sie alle benötigen ihren Slot im Zeitplan." Juans Kopf deutet auf den Bildschirm neben seinem Schreibtisch. Anna erkennt die Symbole für Maschinen und Ingenieure, die für das aktuelle Bauvorhaben an Fachfirmen vergeben werden.

Schon immer hat sie dieses Kommunikationssystem fasziniert, das alle Statusaktualisierungen, Termine und kritischen Aufgaben dokumentiert. Es ist sogar mit den Robotern vor Ort verbunden, so dass eine Live-Simulation des laufenden Bauprojekts möglich ist. "Es ist Juans Aufgabe als Projektmanager, die Arbeitsabläufe zu überwachen und das Qualitätsmanagement vor Ort zu verbessern", denkt Anna, "Juan kennt die Technologie und ist ein absoluter Experte auf seinem Gebiet. Nicht viele Menschen können die Anforderungen erfüllen und Experten wie Juan sind sehr gefragt. Sicherlich wurde er für viel Geld abgeworben" Sie meint laut zu Juan: "Und die Rechnungen unserer Subunternehmer steigen in die Höhe." Juan kratzt sich am Bart. "Ja, ich meine, die Regierung kann so viele Handelsabkommen abschließen wie sie will, aber es ist immer noch teuer, den speziellen Sandstein aus Indien zu bekommen. Hier gibt es einfach keinen Massenmarkt wie für Beton. Obwohl Beton schon relativ teuer ist... Willst du eigentlich einen Kaffee?" Als Anna den Kopf schüttelt, nimmt Juan einen Schluck aus seiner Tasse und stellt diese zurück auf den Tisch. Diese Geste signalisiert Anna, dass der Small-Talk vorbei ist. Für den Rest des Nachmittags führen sie Gespräche über die konkreten Aufgaben, die notwendig sind, um die Wünsche des Paares Kumar auf der neuen Baustelle zu erfüllen.

Der Himmel ist dunkel geworden, als Anna die Baustelle verlässt. Der Wind ist kalt, und die Blätter wirbeln um sie herum. Noch immer bedecken die Roboter das Dach, unbeeindruckt von dem aufkommenden Gewitter. Anna springt in ihr bestelltes Lufttaxi. Sie ist schon fast zu Hause an, als ihr Tablet plötzlich vibriert. Es ist das Planungssystem, das sie darüber informiert, dass aufgrund der schweren Wetterbedingungen alle Roboter heute Nacht außer Betrieb genommen werden müssen. Der voraussichtliche Projektabschluss erfolgt einen Tag später als ursprünglich geplant. Anna seufzt. "Wir lassen Roboter unsere Häuser bauen, aber gegen die Macht der Natur haben wir immer noch wenig auszurichten“.

Dieses Szenario wurde während des Trendseminars - eines Kooperationsprojekts mit dem Center for Digital Technology and Management entworfen. Autoren: Christian Spier, Denitsa Angelova, Kai Riemenschneider, Kaya Dreesbeimdiek, Lucian Riediger, Marc Klingen, Yasaman Rajaee

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